Mit 40 fast gestorben, mit 45 endlich wirklich angefangen: meine Geschichte
Wie eine Coronaerkrankung und eine Nahtoderfahrung mein Leben verändert haben, und warum mein Neuanfang mit 45 erst richtig losging
[Titelbild: Mann Ende 40 sitzt am Fenster, Blick nach draußen, ruhiges Licht, kein Kitsch]
Kennst du das Gefühl, wenn du seit Jahren genau weißt, was du ändern müsstest, es aber einfach nicht tust? Du liest die Bücher, du machst die Kurse, du hast tausend Ideen. Und trotzdem bleibt am Ende alles beim Alten.
Bei mir hat es einen Krankenwagen, zwei Spitäler, anderthalb Wochen Intensivstation und einen fremden Abschied gebraucht, der mich mehr mitgenommen hat als alles andere, damit ich das endlich verstanden habe.
Ich erzähl dir jetzt die ganze Geschichte. Ehrlich, ohne sie schöner zu machen als sie war. Am Ende zeige ich dir, was ich daraus mitgenommen habe, und warum der eigentliche Neuanfang für mich erst mit 45 begonnen hat, nicht direkt nach der Krankheit. Das ist übrigens der Teil, den die wenigsten erzählen: dass man aus einer Nahtoderfahrung nicht automatisch ein neuer Mensch wird. Manchmal dauert es noch Jahre.
Ein ganz normaler Tag bei der Arbeit
Ich war bei der Arbeit, mitten im Alltag, als ich merkte, dass irgendwas nicht stimmt. Kopfschmerzen, ein komisches Gefühl im Körper, nichts Dramatisches, aber genug, dass ich zu meinem Chef ging und sagte: „Mir geht es gerade richtig nicht gut.“
Er meinte nur, ich solle nach Hause gehen und am nächsten Tag einen Corona-Test machen. Das war’s. Kein großer Moment, keine Vorahnung. Ich bin heimgefahren wie an jedem anderen Tag auch.
Am nächsten Tag der Test: positiv. Aber ehrlich gesagt, ich war nicht beunruhigt. Ich dachte, okay, zehn Tage Quarantäne, ein bisschen ausruhen, dann geht’s weiter. Das kennst du vielleicht auch, dieses „wird schon nicht so schlimm sein“ im Kopf, während der Körper längst was ganz anderes sagt.
Zehn Tage, die aus dem Ruder liefen
Die ersten Tage zu Hause fielen mir noch nicht groß auf. Aber von Tag zu Tag ging es mir schlechter. Meine Atmung wurde schwerer, ich lag nur noch im Bett, konnte kaum noch etwas machen.
Meine Frau hat es gemerkt, bevor ich es zugeben wollte. Sie hat mich mehrmals gefragt, ob wir nicht doch zum Notfall sollten. Und ich, typisch Mann würde ich fast sagen, hab jedes Mal abgewunken. Ich war zu stur, um zuzugeben, dass es ernst ist. Ich glaube, das kennt jeder Mann, dieses „ich pack das schon“ Ding, das einen manchmal mehr gefährdet als schützt.
Irgendwann hat meine Frau die Reißleine gezogen. Sie hat gemerkt, dass wir nicht mehr warten können, und gesagt, wir fahren jetzt in den Notfall, keine Diskussion mehr. Weil es wegen Corona kompliziert war, hat sie unsere Nachbarin gebeten, mich hinzufahren. Ich hatte mir bis dahin eine Art Normalität eingeredet. Man gewöhnt sich an den eigenen Zustand, ohne zu merken, wie weit man schon abgerutscht ist.
Wegen der Corona-Regeln durften weder meine Frau noch unsere Nachbarin mit reinkommen. Ich musste ganz allein in einem Zimmer warten, ein paar Stunden lang, bis endlich jemand nach mir schaute. Dann kam der Krankenwagen.
Kleiner Download-Tipp: Im Rückblick habe ich gemerkt, dass ich schon Wochen vorher Warnzeichen ignoriert hatte, bei mir selbst und in dem, was meine Frau mir gesagt hat. Ich hab sie in einer kurzen, kostenlosen Übersicht zusammengefasst: Die 5 Warnzeichen, die ich damals ignoriert habe (PDF), für dich zum Erkennen und für deine Partnerin zum Ansprechen.
Als der Boden unter mir wegbrach
Die ersten zwei Tage verbrachte ich im Spital Wil. Sie gaben mir eine Sauerstoffmaske, aber ich hatte trotzdem das Gefühl, keine Luft zu bekommen. Ein Druck im Kopf, als würde einem die ganze Luft aus dem Gehirn gezogen. Ich weiß noch genau, wie ich dachte: muss ich jetzt für immer mit dieser Maske leben?
Nach zwei Tagen kam der zweite Krankenwagen, diesmal ins Kantonsspital St. Gallen. Ich musste eine Weile in der Notaufnahme warten. Wieder die Sauerstoffmaske, wieder dieser enorme Druck. Am Anfang wollte ich das einfach nicht akzeptieren, aber irgendwann habe ich mich hineingefügt, weil ich keine andere Wahl hatte.
Dort waren sie wirklich gut zu mir. Neben mir lag jemand im Koma. Ich hörte später, manche Patienten lagen dort schon monatelang, ohne dass Angehörige zu ihnen durften. In dem Moment dachte ich: okay, mir geht es eigentlich noch gar nicht so schlecht. Diese Gedanken hin und her, mal Angst, mal Erleichterung, das war die ganze Zeit dabei.
WTF-Fakt: Neben meinem Zimmer war der Landeplatz für Rettungshelikopter. Ich hab die Tage gezählt, wie oft die gelandet und wieder gestartet sind. Irgendwann hab ich gefragt, ob das alles Corona-Patienten sind. Damals hab ich Corona ehrlich gesagt nicht besonders ernst genommen. Danach schon.
Als ich nicht mal mehr stehen konnte
Ich hatte kaum Appetit. Ich schämte mich, wenn ich Hilfe brauchte, weil ich selbst nichts mehr machen konnte. Stehen konnte ich nicht einmal. Ich hab’s ein einziges Mal versucht und bin sofort wieder umgefallen. Aufs WC gehen, alleine, ohne Hilfe, das ging erst viel später, als ich in meinem eigenen Zimmer lag. Auf der Intensivstation musste bei allem jemand für mich übernehmen. Das war für mich einer der schwierigsten Teile, so komplett abhängig von anderen zu sein. Getrunken habe ich fast nur noch Joghurtdrinks, zwei, drei am Tag, mehr ging nicht.
Dazu kamen die Panikattacken. Nicht einmal, sondern ein- bis zweimal am Tag, über etwa acht Tage hinweg. Immer wieder dieses Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen, wirklich gar keine. Ich weiß nicht mehr genau, was sie mir dann gegeben haben, ich glaube irgendetwas zum Inhalieren, damit sich die Lunge wieder öffnet. Aber ich weiß noch genau, wie sich jede einzelne dieser Attacken angefühlt hat. In diesen Momenten habe ich zum ersten Mal wirklich verstanden, wie ernst die Lage war.
Isoliert war ich sowieso, wegen Corona durfte niemand zu Besuch kommen. Der einzige Kontakt zu meiner Frau lief über WhatsApp. Sie hat mir später erzählt, dass sie in dieser Zeit fast nur noch Angst hatte, ich würde sterben.
Der Moment, der mich am meisten mitgenommen hat, hatte gar nichts direkt mit mir zu tun. Neben mir lag ein Patient im künstlichen Koma. Eines Tages kam seine ganze Familie, ich schätze 20 bis 25 Leute, um sich von ihm zu verabschieden. Ich hab mitbekommen, wie sie nacheinander reinkamen, wie still es im Raum wurde. Ich konnte nicht anders, als mir vorzustellen, wie es wäre, wenn das meine eigene Verabschiedung wäre. Das war kein schönes Gefühl. Eher so ein dumpfes, mulmiges Gefühl im Bauch, das einen dann die ganze Zeit begleitet.
Fünf Minuten, die sich wie ein Marathon anfühlten
Am nächsten Tag durfte ich in mein eigenes Zimmer. Dort habe ich noch etwa zweieinhalb Wochen verbracht, insgesamt war ich also anderthalb Wochen auf der Intensivstation und danach nochmal zweieinhalb Wochen im Einzelzimmer, bevor ich nach Hause durfte. Langsam ging es besser, ich konnte aufstehen, alleine aufs WC gehen, aber mir wurde schnell schwindlig.
Am krassesten war der Moment, als ich das erste Mal alleine raus zum Parkplatz ging, wo mein Vater auf mich wartete. Fünf Minuten laufen. Fünf Minuten, die sich angefühlt haben wie ein Marathon. Danach war ich komplett fertig. Ich hatte vor Corona etwa 94 Kilo gewogen, danach noch 87.
Als ich endlich zu Hause ankam, hatte meine Familie Schokolade an der Tür aufgehängt, ein Willkommen. Das hat mich wirklich berührt. Der Appetit kam langsam zurück, und mit ihm auch ein Stück Normalität.
Was mir der Tod über das Leben beigebracht hat
Ich glaube, ich war noch nie im Leben so nah am Sterben. Das Schlimmste war nicht mal die Krankheit selbst, sondern dass ich vorher nie ernst genommen hatte, wie schnell es vorbei sein kann.
In dieser Zeit habe ich mich zum ersten Mal wirklich gefragt: wenn ich jetzt sterbe, was habe ich eigentlich gelebt? Was habe ich erreicht? Klar, meine Familie, das ist mir sofort in den Kopf gekommen. Aber wie würde sie das verkraften? Und was hätte ich ihr noch alles geben können, wenn ich mehr Zeit gehabt hätte?
Das war vor etwa vier Jahren. Und ich will ehrlich sein: seitdem hat sich einiges verändert, aber ich bin noch lange nicht da, wo ich eigentlich sein möchte. Das ist übrigens etwas, das ich hier auf diesem Blog nie beschönigen will. Eine Nahtoderfahrung macht dich nicht automatisch zu einem neuen Menschen. Sie gibt dir höchstens den ersten Stoß.
Der zweite Schlag: mein Vater
Etwa zweieinhalb Jahre nach meiner Entlassung aus dem Spital ist mein Vater an Magenkrebs gestorben. Wenn ich zurückblicke, hatte ich nie die Beziehung zu ihm, die ich mir eigentlich gewünscht hätte. Wir hatten Kontakt, aber nicht so, wie es zwischen Vater und Sohn eigentlich sein sollte. Das hat mir mein ganzes Leben lang gefehlt.
Und genau das ist der Punkt, an dem es bei mir richtig weh tut: ich habe gemerkt, dass ich mit meinen eigenen Kindern nicht so werden will wie mein Vater es mit mir war. Und trotzdem mache ich aktuell teilweise genau das Gegenteil von dem, was ich mir vornehme. Ich will etwas erreichen im Leben, verzettle mich dabei aber ständig, und am Ende bleibt weniger Zeit für meine Kinder übrig, als ich eigentlich möchte.
Warum das so ist, kann ich dir auch nicht hundertprozentig erklären. Ein Teil davon ist dieses ständige Overthinking. Es kommen mir so viele Ideen gleichzeitig in den Kopf, dass ich mich nicht entscheiden kann, welche ich wirklich umsetze. Am Ende mache ich von allem ein bisschen und von nichts richtig.
Warum ich erst mit 45 wirklich angefangen habe
Zeit ist für mich seit Corona etwas geworden, das ich völlig anders wahrnehme. Vorher war sie einfach da. Seitdem weiß ich, wie schnell sie weg sein kann. Ich bin jetzt 45, und ich weiß nicht, wie viel Zeit mir noch bleibt. Das klingt vielleicht hart, aber genau dieser Gedanke hat mich in den letzten Wochen wachgerüttelt.
Ich habe mir mein Leben angeschaut und gefragt, was mir eigentlich fehlt, was ich noch erreichen will. Und rund um meinen 45. Geburtstag wurde mir plötzlich vieles klar, was ich vorher irgendwie verdrängt hatte. Deswegen fange ich jetzt an, mit meinem Leben einen neuen Abschnitt zu beginnen. Nicht irgendwann, sondern ab jetzt.
Das System, das ich mir jetzt aufbaue: 1% Better Everyday, ohne Druck
Ich will hier nicht so tun, als hätte ich jetzt den Masterplan gefunden. Habe ich nicht. Was ich aber gefunden habe, ist ein Prinzip, das mir hilft, ohne mich sofort wieder zu überfordern: 1% Better Everyday. Ohne Druck.
Kein radikaler Umbruch über Nacht, sondern jede Woche eine kleine Sache besser machen. Bei der Ernährung, bei der Bewegung, bei der Zeit mit meinen Kindern, bei dem, was ich mir traue und was nicht. Genau darum wird es auf diesem Blog gehen: um die einzelnen Themen, die ich nach und nach angehe, mit den kleinen Systemen, die mir dabei helfen, und ganz ehrlich auch mit den Themen, bei denen ich noch nicht weiterkomme.
Ein Werkzeug, das mir dabei schon jetzt hilft, ist ein einfaches Journal, in dem ich jeden Abend kurz festhalte, was ich geschafft habe und wo ich noch hänge. Wenn du selbst gerade an einem Punkt bist, an dem du dein Leben reflektierst, kann ich dir das Buch „Trotzdem Ja zum Leben sagen“ von Viktor Frankl sehr empfehlen. Er hat als Überlebender des Konzentrationslagers geschrieben, wie man selbst in der dunkelsten Situation einen Sinn findet. Das hat mir persönlich noch mal eine ganz andere Perspektive auf meine eigene Geschichte gegeben.
Fragen, die mir oft gestellt werden
Wie hast du gemerkt, dass es wirklich ernst ist?
Ehrlich gesagt erst, als meine Frau die Reißleine gezogen hat, nicht ich selbst. Vorher hatte ich mir eine Art Normalität eingeredet. Wenn du das Gefühl hast, dass etwas nicht stimmt, warte nicht auf den Moment, in dem es jemand anderes für dich entscheiden muss.
Hattest du Angst zu sterben?
Ja und nein. In manchen Momenten hatte ich richtig Angst, in anderen war ich fast schon zu erschöpft, um überhaupt Angst zu spüren. Das war das Merkwürdige daran.
Wie hat die Erfahrung deine Familie verändert?
Wir sind uns nähergekommen, keine Frage. Aber ich muss ehrlich sagen, dass ich trotzdem immer wieder in alte Muster zurückfalle, gerade beim Thema Zeit für die Kinder. Das ist ein Prozess, kein einmaliger Schalter, den man umlegt.
Warum hat es nach der Krankheit noch vier Jahre gedauert, bis du wirklich etwas verändert hast?
Weil eine Nahtoderfahrung dich wachrüttelt, aber nicht automatisch verändert. Ich musste erst noch meinen Vater verlieren und an einen Punkt kommen, an dem ich es nicht mehr aushalten konnte, alles beim Alten zu lassen.
Was würdest du jemandem raten, der gerade etwas Ähnliches durchmacht?
Nimm es ernst, auch wenn es sich am Anfang nicht dramatisch anfühlt. Und wenn du später wieder gesund bist, gib dir Zeit. Du musst nicht sofort ein neuer Mensch sein. Ein Prozent besser, jede Woche, reicht völlig.
Fazit: mein Neuanfang mit 45 fängt jetzt wirklich an
Ich war näher am Tod, als mir lange bewusst war. Ich hab miterlebt, wie sich eine fremde Familie von ihrem sterbenden Angehörigen verabschiedet hat, direkt neben mir, und mir dabei vorgestellt, das wäre ich. Ich hab meinen Vater verloren, ohne je die Beziehung zu ihm gehabt zu haben, die ich mir gewünscht hätte. Und ich hab trotzdem noch vier Jahre gebraucht, um wirklich anzufangen.
Das ist der Punkt: du musst nicht perfekt oder sofort bereit sein. Du musst nur irgendwann den Punkt erreichen, an dem du sagst, jetzt fange ich an. Bei mir war das mein 45. Geburtstag. Bei dir ist es vielleicht heute, während du das hier liest.
Ich werde auf diesem Blog jedes einzelne Thema angehen, das mir in meinem Leben noch fehlt, ehrlich, Schritt für Schritt, ohne Druck. Wenn du magst, begleite mich dabei. Und ja, dass ich das alles hier so offen erzähle, das glaubt mir manchmal selbst keiner.
P.S. Wenn dich meine Geschichte irgendwo abgeholt hat, lad dir die 5 Warnzeichen weiter oben als PDF runter, für dich oder zum Weiterleiten an deine Partnerin. Und lies gerne im nächsten Artikel weiter, wie mein Neuanfang mit 45 konkret aussieht. Wenn du selbst gerade nach Sinn suchst, wie ich damals im Spital, kann ich dir „Trotzdem Ja zum Leben sagen“ von Viktor Frankl nur ans Herz legen.


