Grundlagen

Klarheit mit 45: die Übung, die mir gezeigt hat, was ich wirklich will (und was nicht mehr)

Frisches, histaminarmes Gemüse

Warum schriftliche Ziele wirklich einen Unterschied machen, und wie du in 20 Minuten mehr Klarheit gewinnst als in 5 Jahren Grübeln

[Titelbild: leeres Notizbuch und Stift auf einem Tisch, warmes Licht, kein Kitsch]

Kennst du das Gefühl, Ja zu sagen, obwohl du eigentlich Nein meinst? Nicht einmal, sondern immer wieder, über Jahre? Ich habe genau das gemacht. Ich hatte Angst, nach meinen eigenen Wünschen zu leben, und deshalb viele Dinge akzeptiert, die ich eigentlich nicht wollte. Der Job, der mich ausgelaugt hat. Die Verpflichtungen, bei denen ich innerlich längst Nein gesagt hatte. Das Gefühl, dass mein Leben mir passiert, statt dass ich es gestalte.

Mit 45 kam der Punkt, an dem ich einfach keine Lust mehr auf solche Sachen hatte. Nicht aus Trotz, sondern aus Klarheit. Und diese Klarheit kam nicht von allein. Sie kam durch eine einzige, sehr konkrete Übung, die ich dir heute zeigen will.

Die Zahl, die mich zum Nachdenken gebracht hat

 

Ich bin über eine Geschichte gestolpert, die man online ständig liest: angeblich hat Harvard 1979 seine Absolventen befragt, wer klare, schriftlich fixierte Ziele hat. Angeblich hatten nur 3 Prozent das, und die haben später zehnmal so viel verdient wie der Rest zusammen. Klingt beeindruckend, oder?

Das Problem: diese Studie hat nie existiert. Weder Harvard noch Yale haben je eine solche Untersuchung durchgeführt, beide Universitäten haben das ausdrücklich verneint. Es ist eine der bekanntesten Erfindungen im Bereich Persönlichkeitsentwicklung, seit Jahrzehnten kopiert und weitererzählt, ohne dass sie je stattgefunden hat.

WTF-Fakt: Es gibt aber eine echte Studie mit einem ähnlichen Ergebnis. Dr. Gail Matthews von der Dominican University hat 2015 mit 267 Teilnehmern untersucht, wie schriftliche Ziele die Erfolgsquote beeinflussen. Ergebnis: wer seine Ziele aufschreibt, erreicht sie um 42 Prozent wahrscheinlicher als jemand, der nur darüber nachdenkt. Wer zusätzlich wöchentliche Updates an eine andere Person schickt, kommt sogar noch weiter, über 70 Prozent haben ihr Ziel erreicht oder waren mehr als halb am Ziel, verglichen mit 35 Prozent bei denen, die niemandem Bescheid gaben.

Du brauchst also keine erfundene Elite-Uni-Geschichte, um zu wissen, dass Aufschreiben wirkt. Es gibt echte Belege dafür.

Eigentlich ist es simpel wie beim Einkaufen. Gehst du ohne Einkaufszettel los, kaufst du das, was dir gerade einfällt, meistens das Gleiche wie immer. Hast du aber einen Zettel mit dem, was du wirklich brauchst, kommst du auch genau damit nach Hause. Bei deinem Leben ist es nicht anders. Ohne Plan nimmst du mit, was dir gerade vor die Füße fällt. Mit einem Plan gehst du gezielt auf das zu, was du eigentlich willst.

Warum ich bis 45 nie wirklich aufgeschrieben habe, was ich will

 

Ich hatte immer Ideen im Kopf, viele sogar. Aber alles blieb Gedanke, nichts wurde konkret. Ich wusste vage, dass ich unzufrieden bin, aber nicht genau, womit, und noch weniger, was ich stattdessen will. Das ist ein Unterschied, den ich lange nicht verstanden habe: zu wissen, was einen stört, ist nicht dasselbe wie zu wissen, was man will.

Erst als ich mich hingesetzt habe und für verschiedene Lebensbereiche aufgeschrieben habe, wie es in 10 Jahren aussehen soll, und wie auf gar keinen Fall, wurde es greifbar. Nicht abstrakt „ich will glücklicher sein“, sondern konkret: wie sieht mein Beruf aus, wie meine Gesundheit, wie meine Beziehungen, wie mein Selbstwert. Und genauso wichtig: was will ich definitiv nicht mehr.

Warum Aufschreiben so unangenehm sein kann

 

Bevor ich zur Übung komme, muss ich etwas Ehrliches zugeben: ich habe diese Art von Übung jahrelang vermieden. Nicht weil ich sie nicht kannte, sondern weil sie unangenehm ist. Wenn du aufschreibst, was du in 10 Jahren wirklich willst, siehst du schwarz auf weiß, wie weit du davon gerade entfernt bist. Das tut weh. Und wenn du aufschreibst, was du auf keinen Fall willst, merkst du oft, dass du mittendrin steckst, genau in dem Leben, das du eigentlich nicht willst.

Das ist der Grund, warum die meisten Menschen es nicht tun, nicht weil sie faul sind, sondern weil Klarheit erstmal wehtut, bevor sie hilft. Bei mir war es genau diese Angst vor der Konfrontation mit mir selbst, die mich jahrelang davon abgehalten hat. Ich habe lieber im Ungefähren gelebt, weil das Ungefähre keine Verantwortung verlangt. Solange ich nicht genau wusste, was ich will, konnte ich mir auch nicht vorwerfen, es nicht zu verfolgen.

Die Übung: dein Leben in 10 Jahren, in zwei Richtungen

 

Die Methode ist einfach, aber sie tut weh, im guten Sinne. Du nimmst dir sechs Lebensbereiche vor: Beruf und Geld, Gesundheit und Körper, Beziehungen, innere Stärke und Selbstwert, Alltag und Freiheit, Sinn und Spiritualität. Für jeden Bereich schreibst du zwei Spalten:

  • Wie soll es in 10 Jahren aussehen, im besten Fall
  • Wie soll es auf gar keinen Fall aussehen

Der zweite Teil ist oft der wichtigere. Es fällt vielen leichter zu beschreiben, was sie nicht mehr wollen, als was sie wollen. Bei mir war das zum Beispiel: nicht mehr zeitlich komplett fremdbestimmt sein. Nicht mehr dieselben erschöpfenden Situationen jeden Tag. Nicht mehr das Gefühl, die Verbindung zu mir selbst verloren zu haben. Aus diesen klaren Abgrenzungen wurde es plötzlich einfacher, auch die positive Seite zu formulieren.

Damit die Übung nicht bei bloßen Wünschen stehen bleibt, habe ich noch eine dritte Spalte ergänzt, die in den meisten Vorlagen fehlt: der erste 1%-Schritt, den du diese Woche schon gehen kannst. Nicht der ganze Weg, nur der nächste kleine Schritt. Das ist der Unterschied zwischen einem Wunschzettel und einem echten Werkzeug.

Warum die meisten Vorlagen dafür nicht reichen

 

Es gibt viele solcher Vorlagen im Netz, meistens mit zehn oder mehr Kategorien, sehr ausführlich, aber ohne den Bezug zur Umsetzung. Du füllst sie aus, fühlst dich kurz inspiriert, und dann liegt das Blatt in der Schublade. Genau das wollte ich nicht. Deshalb habe ich eine eigene, schlankere Version gebaut, sechs statt zehn Bereiche, dafür mit der 1%-Schritt-Spalte, die dich sofort ins Handeln bringt.

Kleiner Download-Tipp: Ich hab die ganze Übung für dich vorbereitet, mit Platz zum Ausfüllen für alle sechs Lebensbereiche: Der NeuStark-Kompass (PDF), 20 Minuten Zeit reichen für den ersten Durchgang.

Was sich bei mir seit dieser Übung verändert hat

 

Ich will ehrlich sein, ich bin nicht plötzlich bei allem angekommen, was ich mir für die nächsten 10 Jahre aufgeschrieben habe. Aber etwas Entscheidendes hat sich verändert: ich weiß jetzt, wohin. Vorher bin ich reagierend durchs Leben gegangen, habe Dinge akzeptiert, weil ich nicht wusste, wofür ich stattdessen Nein sagen sollte. Jetzt habe ich eine Richtung, an der ich Entscheidungen messen kann.

Beruflich zum Beispiel weiß ich jetzt klar, dass ich mehr Unabhängigkeit will, zeitlich wie örtlich, nicht mehr komplett fremdbestimmt. Bei der Gesundheit weiß ich, dass ich in 10 Jahren fit und energievoll sein will, nicht erschöpft wie jetzt. Bei den Beziehungen ist mir klar geworden, wie wichtig mir die Nähe zu meiner Familie ist, und wie sehr ich das in den letzten Jahren manchmal vernachlässigt habe. Das sind keine fertigen Antworten, aber es sind ehrliche Richtungen.

Was mich am meisten überrascht hat, war die Spalte „auf keinen Fall“. Als ich sie ausgefüllt habe, ist mir aufgefallen, wie viele Punkte darauf schon mein Alltag waren, nicht eine ferne Gefahr, sondern meine aktuelle Realität. Zeitlich fremdbestimmt sein, dieselben erschöpfenden Situationen jeden Tag, die Verbindung zu mir selbst verloren haben, das war keine Zukunftsangst, das war eine Beschreibung von damals. Diese Erkenntnis war unangenehmer als alles andere in der Übung, aber auch der Moment, der mich am meisten bewegt hat. Wenn du siehst, dass dein Negativ-Szenario bereits dein Ist-Zustand ist, kannst du nicht mehr so tun, als hätte das Zeit.

Bei der inneren Stärke habe ich aufgeschrieben, dass ich in 10 Jahren selbstbewusst und mutig genug sein will, Dinge anzugehen, ohne wochenlang darüber nachzudenken. Auch das war zuerst unangenehm zu lesen, weil es bedeutet zuzugeben, dass ich das aktuell nicht bin. Aber genau das ist der Sinn der Übung. Sie soll nicht schmeicheln, sie soll ehrlich sein.

Wie der Kompass mit 1% Better Everyday zusammenspielt

 

Der Kompass allein reicht nicht, das will ich klar sagen. Ein ausgefülltes Blatt verändert dein Leben nicht, es zeigt dir nur die Richtung. Die eigentliche Arbeit passiert danach, in den kleinen Schritten. Deshalb ist die dritte Spalte, der 1%-Schritt, kein nettes Extra, sondern der wichtigste Teil der ganzen Übung.

Nimm zum Beispiel den Bereich Gesundheit. Wenn dein Ziel in 10 Jahren „fit und energievoll“ heißt, und du gerade das Gegenteil davon bist, dann bringt dich das große Ziel allein keinen Millimeter weiter. Aber ein 1%-Schritt wie „diese Woche einmal 15 Minuten spazieren gehen“ schon. Genau das ist das Prinzip, das ich auf diesem Blog in jedem Bereich verfolge, ob Beruf, Beziehung oder innere Stärke. Große Richtung, kleinster möglicher Schritt, jede Woche neu.

Ich mache das inzwischen so: einmal im Monat schaue ich mir meinen Kompass an, nicht um alles neu zu schreiben, sondern um zu prüfen, ob meine 1%-Schritte der letzten Wochen überhaupt noch in die richtige Richtung zeigen. Manchmal habe ich gemerkt, dass ich zwar aktiv war, aber in die falsche Richtung. Das ist auch eine Form von Klarheit.

Fragen, die mir oft gestellt werden

 

Muss ich alle sechs Bereiche auf einmal ausfüllen?
Nein. Fang mit dem Bereich an, der dich gerade am meisten beschäftigt. Die anderen kommen von selbst, wenn du bereit bist.

Was, wenn mir bei „So soll es sein“ nichts einfällt?
Dann fang mit der zweiten Spalte an, was auf keinen Fall. Das fällt fast jedem leichter, und daraus ergibt sich die erste Spalte oft von selbst.

Bringt so eine Übung wirklich etwas, oder ist das nur Papier?
Die echte Studie von Dominican University zeigt, schriftliche Ziele erhöhen die Wahrscheinlichkeit, sie zu erreichen, um 42 Prozent. Das ist kein Zufall, das Aufschreiben zwingt dich, vage Gedanken konkret zu machen.

Wie oft sollte ich meinen Kompass anschauen?
Ich schau meinen einmal im Monat an, nicht um ihn neu zu schreiben, sondern um zu checken, ob meine Entscheidungen noch in diese Richtung gehen.

Was, wenn sich meine Ziele in 10 Jahren komplett ändern?
Das ist normal und okay. Der Kompass ist kein Vertrag, er ist eine Richtung. Richtungen darf man anpassen, Hauptsache du hast überhaupt eine.

Was, wenn ich beim Ausfüllen merke, dass ich eigentlich gar nicht weiß, was ich will?
Dann bist du nicht allein, das ist der häufigste Punkt, an dem Männer bei dieser Übung hängen bleiben. Fang trotzdem an, auch mit unfertigen Sätzen. Klarheit kommt oft erst beim Schreiben, nicht davor. Du musst nicht wissen, was du willst, bevor du anfängst zu schreiben, du findest es beim Schreiben heraus.

Fazit: Klarheit ist keine Charaktereigenschaft, sie ist eine Übung

 

Ich dachte lange, manche Menschen wissen einfach, was sie wollen, und andere nicht, so wie ich. Das stimmt nicht. Klarheit ist etwas, das du dir erarbeitest, mit einer konkreten Übung, nicht mit stundenlangem Grübeln im Kopf. Bei mir hat es 45 Jahre gedauert, bis ich das verstanden habe. Bei dir darf es heute sein.

Wenn du seit Jahren das Gefühl hast, Dinge zu akzeptieren, die du eigentlich nicht willst, dann ist das hier dein Anfang. Nicht die ganze Antwort, nur der erste, schriftliche Schritt dahin. Und ja, dass mich ein simples Formular mehr verändert hat als Jahre des Nachdenkens, das glaubt mir manchmal selbst keiner.

Ich schreibe diesen Blog genau deshalb so, wie ich ihn schreibe, Thema für Thema, ehrlich auch über das, was noch nicht funktioniert. Der Kompass ist kein Werkzeug, das ich dir aus der Theorie empfehle, ich benutze ihn selbst, jeden Monat neu. Wenn du magst, fang heute an, nicht nächste Woche, nicht wenn du mehr Zeit hast. Genau jetzt, mit dem Bereich, der dich am meisten beschäftigt.

P.S. Lad dir weiter oben den NeuStark-Kompass runter und nimm dir heute Abend 20 Minuten. Du musst nicht alle sechs Bereiche schaffen, schon einer reicht für den Anfang.

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